Auf zu „Neuen Horizonten“ Die Bildungsarbeit im Informationsbüro Nicaragua, Rundschreiben

Seit dem Sommer 20nuevos_horizontes_widget14 haben wir im Rahmen unseres Projekts Nuevos Hori­zontes unsere bishe­rigen Bildungs­me­thoden für inter­ak­tive Work­shops mit jungen Menschen komplett über­ar­beitet und werden sie nun unter dem Titel Foku­s­café Latein­ame­rika neu heraus­geben. Ein Team aus zwölf Hono­rar­kräften, zwei Haupt- und zwei Ehren­amt­li­chen des Info­büros hat in einem inten­siven Prozess die bestehenden Methoden inhalt­lich aktua­li­siert und erwei­tert sowie konzep­tio­nell verbes­sert. Dabei ist ein Set aus fünf Werk­heften und einer Mate­rial-DVD entstanden, das Lehrer_innen und in der außer­schu­li­schen Bildungs­ar­beit Aktive für eine abwechs­lungs­reiche und kriti­sche poli­ti­sche Bildung einsetzen können. Die Methoden vermit­teln anhand von Beispielen aus Latein­ame­rika und Deutsch­land spie­le­risch globale Zusam­men­hänge und regen Jugend­liche zu einer kriti­schen Refle­xion an. Sie sind eine gute Grund­lage für die Bildungs­ar­beit, die wir in den kommenden Jahren im Info­büro umsetzen wollen. Aber nicht nur hier sind wir mit dem Projekt zu „neuen Hori­zonten“ aufge­bro­chen. Im Laufe des Über­ar­bei­tungs­pro­zess erwei­terten wir unseren Hori­zont und damit auch die Mate­ria­lien in didak­ti­scher wie inhalt­li­cher Weise entschei­dend weiter. Einige dieser Aspekte schil­dern wir im folgenden anhand der einzelnen Werk­heft-Themen.

Im Werk­heft zum Thema Wirt­schaft wird die Perspek­tive auf globale wirt­schaft­liche (Ungleichheits-)Strukturen gelenkt. Dabei ist uns wichtig, nicht nur die ökono­mi­schen Verhält­nisse im Globalen Süden kritisch unter die Lupe zu nehmen sondern auch die in Deutsch­land. So haben wir zum Beispiel den bishe­rigen Baustein zu Arbeits­be­din­gungen in den Maquiladoras/Weltmarktfabriken in drei­erlei Hinsicht umge­baut: Unter dem neuen Titel „Arbeiter_innen aller Länder… – Arbeits­be­din­gungen in der globa­li­sierten Wirt­schaft“ thema­ti­siert der Baustein nun nicht nur die Verhält­nisse in den textil­pro­du­zie­renden Welt­markt­fa­briken in Mittel­ame­rika sondern ebenso die Bedin­gungen, unter denen die Verkäufer_innen im Textil-Einzel­handel in Deutsch­land arbeiten. Außerdem wird ein verstärkter Blick auf die globalen wirt­schaft­li­chen Struk­turen und die „Sach­zwänge“ des kapi­ta­lis­ti­schen Marktes geworfen. Hier­durch werden die jugend­li­chen Teilnehmer_innen ange­regt, einen tiefer­ge­henden Blick auf die Ursa­chen für die schlechten Arbeits­be­din­gungen sowohl in Mittel­ame­rika wie auch in Deutsch­land zu werfen. Ein dritter neuer Fokus des Bausteins liegt auf den Kämpfen der Arbeiter_innen und Ange­stellten für ihre Rechte. An diesen schließt dann auch die Frage nach Hand­lungs­mög­lich­keiten für die Teilnehmer_innen an: Statt nur auf den Kauf von „Fair Trade“-Bekleidung zu verweisen, wird ihnen die Option näher gebracht, die Kämpfe der Arbeiter_innen zu unter­stützen und sich auch selbst – spätes­tens im Berufs­leben – für ihre eigenen (Arbeits-)Rechte zu orga­ni­sieren und gemeinsam einzu­setzen. Als neues Thema des Werk­heftes wird unter anderem die Priva­ti­sie­rung öffent­li­cher Dienste und gemein­schaft­li­chen Eigen­tums mit einem Mono­poly-Spiel thema­ti­siert.

Auch im Werk­heft zum Thema Migra­tion haben wir die Perspek­tiven der Ausein­an­der­set­zung verschoben. Der Fokus liegt nun weniger auf ein Hinein­denken oder -fühlen in die Situa­tion von Migrant_innen und Flüch­tenden, was ohnehin nicht wirk­lich gelingen kann. Statt­dessen werden haupt­säch­lich die histo­risch beispiel­lose Grenz­zie­hung und Abschot­tung des Globalen Nordens gegen Menschen aus dem Globalen Süden, die dahinter stehende Politik sowie deren oft tödliche Konse­quenzen thema­ti­siert. Ebenso wird verdeut­licht, dass die Ursa­chen für Migra­tion aus dem Globalen Süden oftmals in der Politik und Wirt­schaft des Globalen Nordens zu finden sind. Neben der Ausein­an­der­set­zung mit der aktu­ellen Migra­tion von Latein­ame­rika in die USA wird hierzu auch die Migra­tion in die EU in den Blick genommen. Ein weiterer Schwer­punkt des Heftes liegt auf den von und mit Migrant_innen geführten Kämpfen gegen Abschot­tung und für Bewe­gungs­frei­heit sowie auf Alter­na­tiven zur bestehenden Migra­ti­ons­po­litik des Globalen Nordens. So wird etwa die Politik Ecua­dors thema­ti­siert, die in der Verfas­sung das Recht auf Migra­tion fest­schreibt und Menschen, die nach Ecuador migriert sind, fast die glei­chen Rechte einräumt wie Menschen mit ecua­do­ria­ni­scher Staats­bür­ger­schaft.

Die zentrale These des Werk­hefts zum Thema Rassismus und Kolo­nia­lismus ist, dass es für eine Ausein­an­der­set­zung mit den globalen Struk­turen notwendig ist, eine histo­ri­sche Perspek­tive einzu­nehmen und die aktu­ellen Macht­ver­hält­nissen in ihrer Entste­hung aus der kolo­nialen Geschichte zu betrachten. Einige der zentralen Fragen sind daher: Was hat die kolo­niale Ausbeu­tung mit heutiger globaler Ungleich­heit zu tun? Und inwie­fern weist die globa­li­sierte Wirt­schaft des 21. Jahr­hun­derts noch immer neo-kolo­niale Züge auf? Ebenso sollen aus dieser Geschichte erwach­sene, domi­nante Erzäh­lungen und Deutungen hinter­fragt werden – etwa der „Entwicklungs“-Diskurs. Neben dem histo­ri­schen Fokus setzten sich die Methoden des Werk­heftes auch mit dem Thema Rassismus ausein­ander. Rassismus wird dabei als Macht­ver­hältnis verstanden, das sowohl in der Ausein­an­der­set­zung mit globalen Frage­stel­lungen rele­vant ist, wie auch inner­halb der Teil­neh­mer_innen-Gruppen, mit denen die Methoden ange­wandt werden. Die Refle­xion über diese doppelte Rele­vanz von Rassismus in unserer Arbeit stellte uns im Laufe unseres Arbeits­pro­zesses vor neue Heraus­for­de­rungen, denen wir uns unter­stützt vom macht­kri­ti­schen Verein glokal aus Berlin stellten. Aus diesem Ausein­an­der­set­zungs­pro­zess entstanden einige Verän­de­rungen und neue Ideen, denn in unseren bishe­rigen Mate­ria­lien ebenso wie bei vielen anderen Bildungs­ma­te­ria­lien, die globale Macht­ver­hält­nissen thema­ti­sieren, wurde die unter­schied­liche Posi­tio­nie­rung inner­halb der Teil­neh­mer_innen-Gruppe nicht ausrei­chend mitge­dacht. Oft wurde implizit von einer rein weißen Gruppe ausge­gangen und somit Menschen ausge­schlossen, die von Rassismus negativ betroffen sind.

Im Werk­heft zu Klima­wandel und Umwelt­kon­flikten wird in der Neuauf­lage stärker als bisher die Frage danach gestellt, was Ressourcen-Ausbeu­tung im Globalen Süden mit uns zu tun hat. So wird etwa am Beispiel Kohle­abbau in Kolum­bien gefragt, wofür die Kohle genutzt wird, wohin sie expor­tiert wird und welche deut­schen Unter­nehmen daran betei­ligt sind. Außerdem wird mit Hilfe des Konzepts der Klima­ge­rech­tig­keit der Klima­wandel als neue Form des Nord-Süd-Konfliktes thema­ti­siert und die damit einher­ge­henden, global extrem unter­schied­li­chen Privi­le­gien und Betrof­fen­heiten in den Blick genommen. Aus diesen Perspek­tiven ergibt sich eine grund­le­gende Hinter­fra­gung des bestehenden wachs­tums­ba­sierten, neo-kolo­nialen und kapi­ta­li­sit­schen Wirt­schafts­mo­dells, statt nur auf „nach­hal­ti­geren“ Konsum und „Green Economy“ als Hand­lungs­al­ter­na­tiven zu verweisen. So findet im letzten Kapitel unter dem Titel System Change Not Climate Change dann auch eine Ausein­an­der­set­zung mit Alter­na­tiven statt, die einen grund­sätz­lich anderen Umgang mit Menschen und Umwelt aufzeigen.

Am Ende eines sehr inten­siven Arbeits­pro­zesses freuen wir uns sehr, die neuen Mate­ria­lien bald in der Hand halten zu können. Noch mehr freuen wir uns natür­lich, wenn andere daran Inter­esse haben und wenn wir sie selbst mit Jugend­li­chen anwenden können. Hierzu werden wir in den kommenden zwei Jahren ausrei­chend Gele­gen­heit haben: In unserem neuen Bildungs­pro­jekt werden wir 2016 und 2017 insge­samt 160 Tages-Work­shops mit Schul­klassen und außer­schu­li­schen Gruppen in ganz NRW und darüber hinaus durch­führen. Außerdem werden wir im gesamten Bundes­ge­biet mehrere Multi­pli­ka­tor_innen-Semi­nare und Lehrer_innen-Fort­bil­dungen orga­ni­sieren, in denen Inter­es­sierte unsere neuen Mate­ria­lien des Foku­s­café Latein­ame­rika kennen­lernen können. Wenn Ihr Inter­esse am Werk­heft-Set, unseren Work­shops oder unseren Fort­bil­dungen habt, wendet euch gerne an uns!

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