Zur Geschichte der nahua scripte

Die Scripte gehen auf eine lange Tradition zurück. Sie begleiten unsere Öffentlichkeitsarbeit seit mehr als drei Jahrzehnten. Die erschienenen Titel sind ein Spiegelbild zeitlicher Verläufe von politischen Diskursen gesellschaftlicher Debatten in der Linken.

Mit Titeln zur Blockfreiheit, zur Auseinandersetzung um die deutsche Entwicklungspolitik in Mittelamerika, die Instrumentalisierung von Menschenrechtsfragen um Nicaraguas Miskito-Indianer im Ost-West-Konflikt, zu Wahlen im politischen Prozeß Nicaraguas, zum Würgegriff internationaler Finanzorganisationen waren unsere Themen in der Mitte der 80er Jahre auf Interessenlagen von Großorganisationen, Parteien, staatlicher Macht und Internationaler Wirtschafts- und Finanzorganisationen im Zerrbild des Ost-West-Konfliktes ausgerichtet. Mit dem Zusammenbruch des real-existierenden Sozialismus begann eine Phase, „in der wir die Spielräume für unsere Politik neu erobern (mußten)“. Dafür wollten wir erst einmal die Beziehungen zwischen uns als sozialer Bewegung in einem Land der Metropole und den Befreiungsbewegungen auf andere Füsse stellen, denn es war vorher “oft eine Wechselbeziehung, die weniger mit Internationalismus zu tun hatte, dafür umso mehr mit den Formen des bürgerlichen Warentauschs. Wir brauchten ein projektives Ersatzterrain, sie brauchten einen Mentor im Herzen der Bestie – und Geld….In der Praxis blieb es meist bei der Verteidigung eines fernen Prozesses, blieben wir dessen Sprachrohr, während die Entwicklung unserer eigenen Praxis und Perspektive eine blasse Utopie blieb”.

Die Nahua Scripte der 90er Jahre sollten so zu einem neuen Austausch mit den Bewegungen in Zentralamerika beitragen. Statt “Materialberge” aus Lateinamerika heranzuschaffen, die wieder in eine “Sprachrohrpolitik münden, …soll die Zeitschrift … eine authentische Nahsicht auf die konkreten Aktionen der Volks- und Befreiungsbewegungen Lateinamerikas und deren theoretische Reflexion ermöglichen .“ So sind wir in vielen Fragen wie etwa dem Verhältnis von Avantgardepolitik und Massenbewegungen, der nationalen Befreiung oder der Eroberung staatlicher Macht erst sehr spät in den kritischen Austausch getreten, haben versucht, unsere politischen Herangehensweisen und die damit verbundenen Projektionen auf Entwicklungen, Bewegungen und Menschen Nicaraguas kritisch zu hinterfragen. Nur langsam konnten wir uns von bestimmten Bildern und Vorstellungen hinsichtlich einer politischen, sozialen oder ökonomischen Organisierung trennen wie von der sozialistischen Vorstellung, daß Organisierung immer einen Kern besitzen muß, dass Organisation ein Zentrum benötigt, welches für einen größeren historischen oder geografischen Raum Veränderung zusammenfasst, koordiniert und homogenisiert.

So behandelte Nahua Script 10 die Perspektive revolutionärer Bewegungen in Verbindung mit der Neuen Linken in Lateinamerika und neue Möglichkeiten für einen demokratischen Sozialismus nach dem Verschwinden des Stalinismus. Nahua Script 11 war Ergebnis unserer Neugierde auf die Debatte der lateinamerikanischen Feministinnen, zugleich aber auch Ausdruck unserer eigenen Fragen an die Frauenbewegung in der BRD. Aus der Tatsache dass die neoliberal bestimmten Märkte wie überall in Lateinamerika den Menschen die Lebensgrundlage entziehen würden erstellten wir Nahua Script 12. Nachdenkenswert schien uns die Umkehrung der Rangfolge von Export- und Grundnahrungsmittelanbau zu sein. Unter der Voraussetzung, dass der Anbau von Exportprodukten kein Auskommen ermöglicht sowie ökologische Ressourcen und eine Organisation “benötigt”, die die unmittelbare Verfügungsgewalt über das Gut den ProduzentInnen entzieht, der Grundnahrungsmittelanbau aber mit seiner Selbstversorgungsabsicht das Umgekehrte bedeutet, dann wäre es am sinnvollsten, die Exportproduktion lediglich dort zu organisieren, wo die Selbstversorgung das zulässt oder unbedingt notwendig macht. Diese Umkehrung ist notwendig und möglich:

Der nationalstaatliche Rahmen erodiert – nicht nur in Nicaragua

Der Sandinismus der 80er Jahre hat ein Selbstbewußtsein geschaffen für erfolgreiche Selbstorganisation.

Die bäuerliche Produktionsweise mit dezentraler Organisation, ressourcenschonender Ökologie und gesellschaftlicher Ernährungssouveränität bietet nachhaltige Produktionsstrukturen. Die unmittelbaren ProduzentInnen können sich der Exportorientierung und damit verbundener national-staatlicher wie auch privatwirtschaftlicher Organisation entledigen, sie bilden neue Wirtschaftssubjekte mit sozialer Orientierung.

Im neuen Jahrtausend haben wir die handelnden ProtagonistInnen, Menschen in ihren konkreten subjektiven und persönlichen politischen Wirkungsfeldern in das Zentrum unserer Öffentlichkeitsarbeit gestellt. In unserer Reihe „Lebenswege“ kommen politisch engagierte Menschen mit ihrer Biografie nicht als funktionalisierte Objekte für eine politische Position, sondern als uns über viele Jahre bekanntes Gegenüber zu Wort, auch außerhalb ihres zeitlichen und räumlichen bzw. inhaltlichen politischen Wirkungsfeldes. Unsere multimediale Ausstellung „Überlebenswelten“ zeigt Menschen in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen nicht nur als Opfer, sondern als handelnde Subjekte, an den Menschen lassen sich die konkreten Arbeits- und Lebensverhältnisse und die Bedingungen ihrer Überwindung erkennen, nicht umgekehrt.

Mit den jetzt aktuell vorliegenden nahua scripten hoffen wir, den in der Reihe formulierten Ansprüchen an Austausch und Begegnung mit den Menschen, mit denen wir nun schon mehr als drei Jahrzehnte einen gemeinsamen Weg gehen, nachzukommen.