Globales Lernen im Infobüro

aus: Rundschreiben 2015

 

Schnappschuss (2015-07-16 17.37.38)Seit einigen Jahren liegt ein zentraler Bereich unserer Arbeit im Globalen Lernen mit jungen Menschen. Im aktu­ellen Bildungs­pro­jekt Nuevos Hori­zontes entwi­ckeln wir zurzeit unsere Bildungs­ma­te­ria­lien weiter. Dies nutzen wir auch, um unsere bishe­rige Arbeit und unsere Verständnis von Globalem Lernen zu reflek­tieren.


 

Zwischenbilanz unserer Bildungsarbeit

Wir haben in verschie­denen Projekten insge­samt sieben Werk­hefte zu den Themen Frei­handel, Geschichte & Klischees, Migra­tion, Wirt­schaft & Welt­handel, Eine Welt, Klima­wandel & Umwelt­kon­flikte sowie Menschen­rechte & soziale Bewe­gungen veröf­fent­licht. Diese Mate­ria­lien zeichnen sich beson­ders durch inter­ak­tive, spie­le­ri­sche Methoden und den Einbezug von (macht-) kriti­schen Perspek­tiven und Inhalten aus. Durch das viel­fach posi­tive Feed­back, die Auszeich­nungen für die Mate­ria­lien und nicht zuletzt durch die Nach­frage fühlen wir uns in unserer Arbeit bestärkt.

Bisher haben wir mehr als 100 inter­ak­tive Tages-Work­shops mit Schul­klassen und Jugend­gruppen durch­ge­führt. Nur wenige Teilnehmer_innen hatten vor diesen Work­shops einen Zugang zu den gesell­schaft­li­chen Verhält­nissen in Latein­ame­rika oder einen kriti­schen Blick auf globale Verhält­nisse. Trotzdem waren anschlie­ßende posi­tive Rück­mel­dungen – wie folgende – nicht selten: “Es war krea­tive Arbeit, nicht viel Theorie. Man konnte sich viele eigene Gedanken machen und eine Meinung bilden“. (1)

Was bedeutet Globales Lernen für uns?

Der Begriff Globales Lernen beschreibt ein pädago­gi­sches Konzept, für das es jedoch keine einheit­li­chen theo­re­ti­schen Zugänge und Grund­lagen gibt. Für uns bedeutet Globales Lernen vor allem die Ausein­an­der­set­zung mit dem eigenen Kontext. Dieser zeichnet sich durch die Einge­bun­den­heit in globale Macht- und Ausbeu­tungs-Struk­turen aus, deren Ursprünge im Kolo­nia­lismus liegen. Hieraus ergeben sich für unsere Bildungs­praxis folgende Ziele und Inhalte:

  • Veran­schau­li­chung von globalen Zusam­men­hängen,
  • kriti­sches Hinter­fragen von gesell­schaft­li­chen Macht­struk­turen und domi­nanten Diskursen (wie der „Entwicklungs“-Diskurs),
  • Refle­xion der eigenen Posi­tion, Privi­le­gien und Sicht­weisen in lokalen und globalen Zusam­men­hängen,
  • Thema­ti­sie­rung von margi­na­li­sierten Perspek­tiven (wie sozialen Bewe­gungen in Latein­ame­rika) und
  • Förde­rung von poli­ti­schem Enga­ge­ment und soli­da­ri­schem Mitein­ander (lokal wie global).

Eine kriti­sche Refle­xion unser Bildungs­praxis und der dahinter stehenden Konzepte ist uns wichtig. Globales Lernen ist ein „west­li­ches“ Konzept, das Ansätze aus dem Globalen Süden zu wenig einbe­zieht. Darum fragen wir uns verstärkt: „Wer spricht in unseren Mate­ria­lien?“ und „Welche Macht­ver­hält­nisse, Begriffe und Perspek­tiven werden in den Mate­ria­lien (re-)produziert?“ Wir möchten gerne vermehrt Konzepte aus Latein­ame­rika in unsere Bildungs­ar­beit einbe­ziehen. Inter­es­sant wäre es auch, verstärkt mit unseren Part­ner­or­ga­ni­sa­tionen in Austausch zu treten, was für sie wich­tige Ziele, Perspek­tiven und Themen von Globalem Lernen sein müssen.

Was hat das denn alles mit uns zu tun?“

Schnappschuss (2015-07-16 17.37.56)Globales Lernen möchte an die Lebens­welt der Teil­neh­menden anknüpfen. Für uns bedeutet dieser Anspruch, bei der Ausein­an­der­set­zung mit globalen Zusam­men­hängen hier bei uns anzu­setzen – etwa bei der eigenen Klei­dung, bei Arbeits­be­din­gungen in Deutsch­land, bei Ausgren­zung und Zunahme von prekären Arbeits­plätzen in unserer Gesell­schaft. Einer­seits heißt das, global gemein­same Themen zu erkennen, ande­rer­seits den Blick für Ungleich­heiten zu stärken und zu fragen: „Wer profi­tiert eigent­lich von dem globalen System und warum“. Darüber hinaus heißt Lebens­welt­bezug für uns auch, Ungleich­heiten in unserer Gesell­schaft, in Klas­sen­räumen und anderen Bildungs­ein­rich­tungen einzu­be­ziehen. An unseren Bildungs­an­ge­boten nehmen junge Menschen teil, die von Rassismus negativ und positiv betroffen sind, die selber Migra­tions- und Flucht­er­fah­rungen haben, die von sozialer Ungleich­heit profi­tieren oder margi­na­li­siert werden. Migra­tion, Rassismus, patri­ar­chale Unter­drü­ckung, Menschen­rechts­ver­let­zungen oder ökono­mi­sche Ungleich­heit sind keine Themen, die „weit weg“ sind. Dabei ist uns als poli­ti­sche Bildner_innnen auch wichtig, die eigene Einge­bun­den­heit in Macht- und Ungleich­heits­ver­hält­nisse zu reflek­tieren.

Ich kann ja eh nichts dagegen machen!“

Auch das Eröffnen von Hand­lungs­op­tionen ist – im allge­meinen Verständnis und für uns – ein zentrales Anliegen von Globalem Lernen. Uns ist dabei wichtig, den jungen Menschen nicht nur einfache Antworten auf indi­vi­du­eller Ebene zu präsen­tieren – wie etwa den Kauf von Fair-Trade-Produkten. Gleich­zeitig wollen wir die Teilnehmer_innen nicht mit einem Ohnmachts­ge­fühl aus den Work­shops entlassen. Die Umset­zung dieser Ziele in die Praxis fordert uns immer wieder heraus und konfron­tiert uns mit unseren eigenen Wider­sprü­chen, Frage­zei­chen und Zweifeln.Wenn in den Work­shops bei jungen Menschen Refle­xi­ons­pro­zesse ange­stoßen werden, ist dies für uns bereits eine Form der Hand­lung. Außerdem ist es uns wichtig, den Teilnehmer_innen kollek­tive poli­ti­sche Formen näher zu bringen, wie sie von sozialen Bewe­gungen in Latein­ame­rika und in Deutsch­land prak­ti­ziert werden. So möchten wir anhand von konkreten Beispielen aufzeigen, dass gemein­sames Handeln sowie Orga­ni­sie­rungs­pro­zesse möglich sind und nach­hal­tige Verän­de­rungen bewirken können. Dieses kollek­tive Handeln kann im Ideal­fall durch eine gemein­same Aktion mit der Klasse oder Gruppe beispiel­haft während eines Work­shops selbst erlebt werden.

Aktuelle Entwicklungen und Diskussionen in der Bildungslandschaft

Unsere kritisch-reflek­tierte Haltung und Praxis im Globalen Lernen bedeutet für uns auch, zu aktu­ellen Diskus­sionen um Globales Lernen Posi­tion zu beziehen und diese mitzu­ge­stalten. Wir finden es gut und wichtig, dass (macht)kritische Perspek­tiven ins Feld des Globalen Lernens vermehrt Einzug erhalten.

Schnappschuss (2015-07-16 17.38.32)Dies zeigt nicht zuletzt die aktu­elle Debatte um den Orien­tie­rungs­rahmen für den Lern­be­reich Globale Entwick­lung. Er wurde erst­mals 2007 vom BMZ und der Kultus­mi­nis­ter­kon­fe­renz heraus­ge­geben und bildet den poli­tisch-struk­tu­rellen Rahmen für Akti­vi­täten des Globalen Lernens. Im Juli 2014 wurde nun der Entwurf für eine Neufas­sung des Orien­tie­rungs­rah­mens veröf­fent­licht. Ein Zusam­men­schluss verschie­dener migran­tisch-diaspo­ri­scher und entwick­lungs­po­li­ti­scher Orga­ni­sa­tionen – viele von ihnen in der Bildungs­ar­beit aktiv – hat einen offenen Brief mit umfas­sender Kritik am Neu-Entwurf veröf­fent­licht (2). Wir teilen diese Kritik und haben zusammen mit vielen weiteren Orga­ni­sa­tionen und Einzel­per­sonen den Brief unter­zeichnet. Die öffent­liche Ausein­an­der­set­zung und die Verän­de­rungen der poli­ti­schen Rahmen­be­din­gungen unserer Bildungs­ar­beit sind uns ein Anliegen. Gleich­zeitig hoffen wir, mit unserer Bildungs­praxis weiterhin kriti­sche und anre­gende Impulse in der Bildungs­land­schaft sowie bei unseren jungen Teilnehmer_innen zu setzen.


(1) Weitere Infos zu unserem aktu­ellen Bildungs­an­gebot: otrosmundos.infobuero-nicaragua.org
(2) Der offene Brief: decolonizeorientierungsrahmen.wordpress.com