Die „Kleine Zapatistische Schule“

Was die Frei­heit für die Zapa­tistas ist“ Rund­schreiben 2014

Am 21.12.2012, als die Medien den angeb­lich durch den „Maya-Kalender“ ange­kün­digten „Welt­un­ter­gang“ ausschlach­teten, über­raschten uns die Zapa­tistas: An diesem Beginn eines neuen Kalender-Zyklus der indi­genen Gesell­schaften Mittel­ame­rikas besetzten fast 50.000 vor allem junge Zapa­tistas in völliger Stille die zentralen Plätze von fünf Provinz­haupt­städten in Mexikos südlichstem Bundes­staat Chiapas – jene Städte, die die Guerilla-Truppen der indi­genen sozialen Bewe­gung bei ihrem bewaff­neten Aufstand 19 Jahre zuvor schon einmal kurz­zeitig einge­nommen hatten.

Einige Monate später präsen­tierten sie ihr Vorhaben der „Kleinen Zapa­tis­ti­schen Schule“ – eine logis­ti­sche Meis­ter­leis­tung: Sie luden Aktivist_innen aus Mexiko und der ganzen Welt ein, im August eine Woche lang in ihren Gemeinden ihre poli­ti­sche Praxis und ihre Lebens­weise kennen­zu­lernen. Wer nicht nach Chiapas kommen konnte, hatte die Möglich­keit per Live-Über­tra­gung teil­zu­nehmen. 1.500 Menschen folgten der Einla­dung, etwa ebenso viele verfolgten die Live-Videos per Internet. Auch zwei aus dem Info­büro nahmen teil: Einer in Chiapas, der andere in Madrid, wo er gemeinsam mit spani­schen Aktivist_innen die Über­tra­gung verfolgte.

Die tägli­chen Über­tra­gungen dauerten jeweils etwa vier Stunden. Ein Team aus sechs Zapa­tistas berich­tete über ihre Praxis und ihre Ideen dahinter, sie analy­sierten, gaben Beispiele, nannten Probleme. Anschlie­ßend beant­wor­teten sie Fragen, die ihnen die Zuschauer_innen per Chat gestellt hatten. In einfa­chen und klaren Worten erklärten sie, wie die basis­de­mo­kra­ti­sche Selbst­ver­wal­tung in ihren über 1.000 Gemeinden funk­tio­niert und auf drei Verwal­tungs­ebenen (Gemeinde, Land­kreis, Region) prak­ti­ziert wird. Die unbe­zahlten Dele­gierten rotieren, sie sind an die Weisungen der Gemeinde-Voll­ver­samm­lung gebunden und können jeder­zeit von diesen abge­setzt werden. Ihr Schul­system wurde ebenso darge­stellt wie die eigene Gesund­heits­ver­sor­gung. Ihre Vorstel­lungen von Gerech­tig­keit erklärten sie an konkreten Beispielen aus ihrer auto­nomen Recht­spre­chung. Sie berich­teten vom Kampf der zapa­tis­ti­schen Frauen, die ihre Eman­zi­pa­tion auch inner­halb der Bewe­gung erst erkämpfen müssen. „Dazu müssen vor allem die Männer sich ändern und auch die Aufgaben der Frauen über­nehmen“, sagte einer der Männer des pari­tä­tisch besetzten Teams. Ebenso klug und verständ­lich analy­sierten sie ihre Gegner, die mexi­ka­ni­sche Regie­rung und das kapi­ta­lis­ti­sche System, und die Gründe, warum sie diese ablehnen und es anders machen. So entstand nach und nach ein breites Panorama, das deut­lich machte, wie weit die Zapa­tistas in den letzten 20 Jahren mit ihrer auf Gleich­be­rech­ti­gung und Soli­da­rität basie­renden Alter­na­tive gekommen sind.

Wesent­lich beein­dru­ckender als die Video-Über­tra­gung war natür­lich, diese Alter­na­tive in den Gemeinden selbst mitzu­er­leben. Nach einem Tag in den fünf Haupt-Verwal­tungs­sitzen der Bewe­gung, an dem ähnliche Inhalte wie bei den Video-Über­tra­gungen vermit­telt wurden, wurde allen Teilnehmer_innen je ein_e Zapa­tista zur Seite gestellt, mit denen sie in deren Gemeinde aufbra­chen und dort für den Rest der Woche lebten. Die jewei­ligen Erfah­rungen waren daher natür­lich sehr unter­schied­lich. Aber durch den persön­li­chen Austausch, die Teil­nahme am tägli­chen Leben der Fami­lien und Gemeinden, an den Versamm­lungen und Festen, erhielten alle Teilnehmer_innen prak­ti­schen Unter­richt darin, „Was die Frei­heit für die Zapa­tistas ist“ – wie der Titel dieses Kurses der „Kleinen Schule“ sehr tref­fend lautete.

Die zumeist urbanen Aktivist_innen, die mit unserem Mitstreiter in einer Gemeinde in der Region von La Garrucha waren, arbei­teten etwa bei der Mais­ernte ihrer Gast­fa­mi­lien mit. Sie erhielten eine Machete, die Fami­li­en­mit­glieder machten kurz vor, wie es geht, und dann sollten die „Schüler_innen“ es durch Probieren und eigene Erfah­rungen lernen. Irgend­wann fragte einer der Zapa­tistas: „Und, wie gefällt dir die Frei­heit, in der wir leben?“ – eine sehr tief­grün­dige Frage. Denn durch diese Art des Lernens, durch Auspro­bieren und Erfah­rungen sammeln, leben und entwi­ckeln die Zapa­tistas erst ihre Frei­heit. Des Weiteren wurde durch die Feld­ar­beit klar, dass der zapa­tis­ti­sche Schlachtruf „Land und Frei­heit“ nicht einfach ein Spruch sondern die gelebte Wahr­heit der Zapa­tistas ist.

Ohne ihre Lände­reien, gäbe es für sie auch keine Frei­heit. Das Land eroberten sie bei ihrem Aufstand 1994 von den Großgrundbesitzer_innen zurück, welche es ihren Vorfahren geraubt hatten und für die zuvor viele von ihnen für sehr nied­rige Löhne und unter entwür­di­genden Bedin­gungen arbeiten mussten. Seit dem Aufstand bear­beitet jede Familie ein Feld und kann sich nun selbst versorgen. Es gibt außerdem Gemein­de­felder, sowie Kollek­tiv­pro­jekte wie Vieh­zucht, Klei­dungs­pro­duk­tion oder Kunst­hand­werk. Die Einnahmen nutzen die Gemeinden zum Infra­struk­tur­ausbau, wie etwa für die Schule oder die Gesund­heits­sta­tion.

Durch gemein­same Arbeit in den Projekten entsteht das Gefühl von Gemein­schaft und Zusam­men­ge­hö­rig­keit. Dieses konnten unser Mitstreiter und die anderen Gäste in dieser Gemeinde erfahren, als sie mit allen Dorfbewohner_innen das Gemein­de­feld von Unkraut befreiten. Dabei war es nicht nur wichtig, dass die Arbeit erle­digt wurde, sondern, dass dies gemeinsam geschah. So wurde die Bedeu­tung des Kollek­tiven eine Wirk­lich­keit, die alle gemeinsam machten.

Prak­tisch erfahren mussten die „Schüler_innen“ auch, dass die Zapa­tistas aufgrund ihrer Frei­heit genug Zeit haben, regel­mäßig Fußball zu spielen – und so verlor die inter­na­tional besetzte Auswahl glatt mit 2 zu 12 gegen die weit über­le­gene Dorf­aus­wahl.

Nach einer Woche Unter­richt stand die Prüfung an. Diese, so ein kurz vor Beginn der „Kleinen Schule“ veröf­fent­lichtes Comu­ni­cado, „ist die schwie­rigste, die ihr euch vorstellen könnt. Sie besteht nicht aus einer Klausur, einer Abschluss­ar­beit, einem Multiple-Choice-Test, es wird … keine Prüfungs­vor­sit­zenden mit Univer­si­täts­ti­teln geben. Die Prüfung wird eure eigene Realität vornehmen, … euer Prüfungs­vor­sit­zender wird ein Spiegel sein. Dort werdet ihr sehen, ob ihr die einzige Frage des Abschluss-Examens beant­worten könnt: Was ist die Frei­heit für dich?“

Rund um den 20. Jahrestag ihres Aufstandes am 1.1.2014 laden die Zapa­tistas zu zwei weiteren Durch­gängen ihrer „Kleinen Schule“ ein. Wenn ihr hingeht, geht mit Lust zu lernen, zuzu­hören und zu fragen und habt das Herz an der rich­tigen Stelle, um die Frei­heit einzu­atmen – eine, wie wir selbst erleben durften, wunder­volle und inspi­rie­rende Erfah­rung.

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