20 Jahre Informationsbüro Nicaragua – 20 Jahre Solidaritätsbewegung

Als ich 1978 in Bonn an meiner ersten Demo gegen die Somoza-Diktatur und für den Abbruch aller diplomatischen Beziehungen teilnahm, hätte ich jeden für verrückt erklärt, der mir gesagt hätte, daß mich dieses Land noch 20 Jahre später beschäftigen würde. In der Tat ist die Nicaragua-Solidarität die längste und dauerhafteste Solidaritätsbewegung in der Geschichte der Republik, eine, die sich, sogar nachdem die Befreiungsbewegung die Macht erlangte, verbreiterte, während andere Solidaritätsbewegungen zusammenbrachen. Eine Solidaritätsbewegung, die selbst eine Wahlniederlage überlebte. Dieser Tage vollenden sowohl die Solidaritätsbewegung als auch das Informationsbüro Nicaragua e.V. ihre 20jährige Existenz. Dies gibt Anlaß, den Bewegungsprozeß zu rekapitulieren.

Die Wurzeln

Historisch gesehen lassen sich folgende Gründungsdaten dieser Bewegung festhalten: das erste Treffen der Nicaragua-Soligruppen aus Wuppertal, Hamburg, Göttingen und Berlin im April 1978, die erste Ausgabe der Nicaragua Nachrichten im Mai 1978, gemeinsam herausgegeben von den Nicaragua-Solidaritätskomitees der BRD und Westberlin, produziert durch das Büro Nicaragua in Wuppertal, und im August 1978 die formale Vereinsgründung des Informationsbüro Nicaragua.

Zusammen mit nicaraguanischen FreundInnen hatten einige WuppertalerInnen überlegt, wie der sich zuspitzende Befreiungskampf der FSLN gegen Somoza und die provisorische Exiljunta unterstützt werden könnten. Neben der allgemeinen Informationsarbeit über das bis dato relativ unbekannte Nicaragua wurde Druck auf die Bundesregierung ausgeübt, ihre diplomatischen Beziehungen zu Somoza abzubrechen. Es begann mit Postkartenaktionen, einer Botschaftsbesetzung und einem Hungerstreik. Nach dem schließlich erfolgreichen Aufstand gegen Somoza entstanden mehr als 300 Aktionsgruppen und Komitees mit der Bereitschaft, Aktionen und Politik über gemeinsame Organe zu koordinieren. Bundestreffen wurden abgehalten, Kampagnen und Projekte durchgeführt, zentrale Spendenkonten eingerichtet, Rundbriefe erstellt und ein Verlag, die Edition Nahua, gegründet. Als Hauptausrichtung wurde die vormalige Minimalforderung, die Beseitigung der Diktatur, durch das Bestreben, das Volk von Nicaragua zu begleiten und darin zu unterstützen, einen selbstbestimmten Weg gehen zu können, ersetzt. Um 1980 flaute die Bewegung zwar einerseits quantitativ ab, setzte aber andererseits örtliche und thematische Schwerpunkte wie Alphabetisierungs- und Gesundheitskampagnen. Die „Mühen der Ebene“ bedeuteten für das Informationsbüro eine vielschichtige Auseinandersetzung mit den Themen der Revolution und ihrer Widersprüche. Humanitäre Hilfe wurde als politisch begründete Unterstützung für den revolutionären Prozeß gesehen. Zwar wurden dem Aufbauprozeß auch durch innernicaraguanische Auseinandersetzungen Grenzen gesetzt, ganz besonders wurde er aber durch die weltweiten Machtverhältnisse behindert, nicht zuletzt auch durch die Strukturen in der BRD. So stand die Nicaraguasolidarität vor der Aufgabe sowohl Strukturen in der 3. Welt als auch hier zu verändern. Nur wenn eine andere Innen-, Außen- und Entwicklungspolitik erreicht wird, kann die Arbeit und damit auch die Emanzipation in Nicaragua langfristig Erfolg haben. Deshalb stand die Zusammenarbeit mit anderen basisnahen sozialen Bewegungen, etwa mit der Friedens- und Frauenbewegung, mit den fortschrittlichen Teilen von gesellschaftlichen Gruppen, Kirchen, Parteien und Verbänden auch bei der lokalen Komiteearbeit im Vordergrund.

Die 80er Jahre: Eine Solidarität in Bewegung

In den 80er Jahren wurden beide Aufgaben – die Unterstützung des Wiederaufbaus und der Widerstand gegen die drohende US-Intervention – als eng verzahnt und gleichberechtigt angesehen: die Niederlage des Imperialismus war sowohl Ausgangsbedingung als auch Ergebnis eines eigenständigen revolutionären Entwicklungsweges. Praktische Ausdrücke dieser Einschätzung waren 1981-83 eine Antiinterventionskampagne mit einem Auftaktkongreß, an dem 1.700 Leute teilnahmen, das Thematisieren von Kriegsgefahr und Kriegsursachen in Mittelamerika innerhalb der Friedensbewegung, die zentrale Nicaraguademo aller Friedens- und Solidaritätsgruppen sowie Protestaktionen vor US- Einrichtungen.

Später konzentrierten die Komitees ihre Proteste zunehmend auf die Contrafreunde in der BRD, z.B. in der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und in den rechten Stiftungen, die über Ausstellungen, Rundreisen, Geldsammlungen, Publikationen Themen wie Menschenrechte, indianische Autonomie und Demokratie in Nicaragua einseitig instrumentalisierten. Für die Solidaritätsgruppen bedeutete dies eine intensive Auseinandersetzung mit der Entwicklung in Nicaragua, um sich eigene, von der FSLN unabhängige Positionen zu erarbeiten, um mit diesen der vereinseitigten Kritik an der nicaraguanischen Revolution entgegen treten zu können. So wurde in Kenntnis der Widersprüche und Fehler der Sandinisten versucht, eine „kritische“ Solidarität weiter zu entwickeln. Solidarität sollte sich darüber hinaus immer daran messen lassen, inwieweit sie auch weltweite Ausbeutungsstrukturen anprangerte, etwa in der Kaffeekampagne, wo die Beteiligung der Kaffeekonzerne an der Ausbeutung Mittelamerikas deutlich wurde oder den Protestaktionen gegen den Weltwirtschaftsgipfel 1985 in Bonn und die IWF-Tagung 1988 in Westberlin. Es blieb immer ein zentrales Problem, wie diese Proteste gegen interventionistische internationale Strukturen in Übereinstimmung mit der materiellen Solidarität zum Wiederaufbau gebracht werden können. So waren Geldsammlungen z.B. für Alphabetisierungs- und Gesundheitskampagnen, für soziale Projekte zur Unterstützung der FSLN und der salvadorianischen FMLN, Materialsammlungen in der Kampagne „Nicaragua muß überleben“ wichtige Aktivitäten seit Anbeginn. Doch immer blieb ein Streitpunkt, inwieweit für diese Solidarität Bündnisse mit anderen Organisationen und Parteien unter Vernachlässigung der politischen Differenzen und der eigenen politischen Akzente eingegangen werden sollten. Die Verbindung der politischen Aktion mit der praktischen Solidarität gelang am besten mit der Brigadenkampagne. Mehrere tausend BrigadistInnen unterstützen mit ihrem Geld und ihrer Arbeitskraft nicht nur Produktion und Siedlungsbau. Ihre Präsenz im Moment der stärksten Interventionsdrohung durch die USA und an den Orten der Contraoperationen, sowie ihre Zeugenaussagen in unzähligen Veranstaltungen und Presseaktivitäten spielten eine zentrale Rolle in der politischen Auseinandersetzung der BRD der 80er Jahre. Der politische Erfolg der Bewegung gründete im wesentlichen auf folgenden Faktoren. Erstens hatte der Aufstand in Nicaragua eine große gesellschaftliche Breite (Kampf gegen einen „Bilderbuchdiktator“, Volksaufstand statt Guerrillafocus, breites Oppositionsbündnis ohne ideologische Fraktionierungen, behutsamer Umgang mit der Opposition nach dem Triumph). Zweitens zeichnete sich die Solidaritätsbewegung durch eine multipolare Zusammensetzung und basisdemokratische Strukturen aus. Kirchliche Gruppen spielten eine starke Rolle, ebenso wie die undogmatischen Linken. Es zeigte sich eine Dominanz jüngerer AktivistInnen, die sich unbelastet von deprimierenden Erfahrungen des Internationalismus zum ersten Mal politisierten. Eine organisatorische Zusammenarbeit mit Parteien und Großorganisationen wurde abgelehnt. Drittens gab es eine Grundpositionen der Solidarität, die sich von einer bedingungslosen Anlehnung an die sandinistische Politik im Sinne einer „Freundschaftsgesellschaft“ abgrenzte, sich stattdessen mit den Bedingungen des Handelns auseinandersetzte und versuchte, Hintergründe und Konsequenzen von politischen Entscheidungen zu verstehen, wenngleich auch nicht immer zu billigen. Ein Orientierungspunkt zur Einschätzung dieser Bewegung ist neben der Kontinuität und Breite der gesellschaftlichen Verankerung aber auch die subjektive Befindlichkeit ihrer Mitglieder, also von uns. Damit meine ich z.B. politische Ohnmachtserfahrungen und Entfremdungserlebnisse im eigenen Land. Dadurch geprägt hatte ich 1981 beim ersten Nicaraguabesuch das subjektive Empfinden des genauen Gegenteils: Alle Menschen schienen zufrieden und aufgeschlossen. Wenn sie nicht sogar – wie die meisten behaupteten – selbst Guerrilleros waren, so waren sie doch alle aktiv am gesellschaftlichen Aufbruch beteiligt, um ihr Land aufzuräumen, ihre Gesellschaft (auch ihre Straßen) auszukehren, Berge zu versetzen. Die Stimmung des sichtbaren kollek-tiven „vamos haciando la historia“ hat viele von uns nachhaltig beeinflußt. Die Funktionalisierung Nicaraguas als Projektionsfeld für sich erfüllende Ideale und für unerreichbare Ziele im eigenen Land spielte eine große Rolle. Gerade zur Zeit, als die Friedensbewegung 1983 scheiterte, erlebte der „Nicaraguatourismus“ seinen Boom. Bei einer Beteiligung in Nicaragua brauchte man sich erstmals nicht gegen gesellschaftliche Mechanismen zu stellen, man konnte Gestaltungsmacht ausüben. Man war anerkannt als BrigadistIn, als ProjektunterstützerIn, als „EntwicklungshelferIn“. Nicaragua wurde somit auch zum Betätigungsfeld für die eigene ungelöste Rolle. Dabei werden und wurden oft eigene Entwicklungsvorstellungen auf Nicaragua transportiert. In Erinnerung bleibt mir die Kaffeebrigade, die – selbst alles Städter – neben der Küche einen diversifizierten Gemüsegarten für NicaraguanerInnen anlegten, was diese interessiert beobachteten. Am nächsten Tag liefen die Kühe darüber. Oder die Häuserbrigade, die nach eigenen Vorstellungen ein Wasserpumpsystem errichtet hatte, damit die Leute in Pantasma den Weg zum Wasserholen verkürzen konnten. Allerdings gab es keinen regelmäßigen Treibstoff, Ersatzteile sowieso nicht. Oder die gutgemeinten Latrinen neben den Häusern, die leider überhaupt nicht den kulturellen Gewohnheiten der Menschen auf dem Land entsprachen. Solche paternalistischen Auswüchse, die von der Annahme der eigenen überlegenen Kompetenz ausgehen, hoffen wir, immer mehr ablegen zu können. Für viele endete ihr Engagement für Nicaragua allerdings im Rückzug, wenn eigene Vorstellungen nicht realisiert wurden. Es erzeugte Hilflosigkeit, wenn Tomatenfelder mit Giftspritzen bearbeitet wurden und die Giftreste gleich im Wassergraben nebenan entsorgt wurden.

Das Informationsbüro heute

Bis zu Beginn der 90er Jahre spielte das Informationsbüro Nicaragua eine besondere Rolle in der Solidaritätsbewegung. Dabei war das Büro immer vieles gleichzeitig. Als eine Art Dienstleister für die Solidaritätsbewegung wurde Anfragen beantwortet, ReferentInnen vermittelt, aktuelle Informationen verbreitet, Projekte betreut, zentrale Spendenkonten eingerichtet, ein Archiv geführt und nicaraguanische Gäste betreut.Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit bestanden die Aufgaben in der allgemeinen Pressearbeit, in der Verschickung regelmäßiger Rundschreiben mit Informationen, Einschätzungen und Materialhinweisen an einen großen Verteiler, sowie in der Herausgabe von Büchern und Broschüren. Als Koordinationsstelle übernahm das Büro die Kommunikation zur Frente und zu anderen nicaraguanischen Organisationen, verschickte Rundbriefe an die Komitees, übernahm die Vorbereitung der Bundestreffen, setzte Aktionen und Kampagnen um. Es war Ansprechpartner für andere politische Bewegungen und Organisationen, etwa die Friedensbewegung, um dort Positionen und Qualitäten der Solidaritätsbewegung einzubringen und die eigene Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Last but not least war das Büro stets auch eine autonome Gruppe mit internen kollektiven Diskussions- und Entscheidungsstrukturen, sowie eigenständiger Orientierung. Mit dem Verlust der Regierungsmacht durch die FSLN und den gleichzeitig stattfindenden Umbrüchen in Europa hat sich die Solidaritätsbewegung mit Nicaragua weitgehend aus dem politischen Geschehen der BRD zurückgezogen oder sich – wie die Städtepartnerschaftsgruppen – auf eine örtliche Ebene verlagert, so daß eine Koordinierungsaufgabe auf ein Minimum geschrumpft ist. Im Verhältnis dazu ist der Grad der Institutionalisierung und Professionalisierung als Solidaritätsbüro gestiegen. Dabei versuchen wir die Erfahrungen der 20jährigen Auseinandersetzungen in neuen Zusammenhängen aufzuarbeiten und in neuen Betätigungsfeldern wie Antirassismus, kommunale Entwicklungspolitik, Perspektiven des Internationalismus, weiterhin aber auch im Themenkomplex Nicaragua und Mittelamerika umzusetzen. Darunter fallen so unterschiedliche Stichworte wie nachhaltige Entwicklung, Globalisierung, Landfrage in Mittelamerika, Kritik des Entwicklungsdenkens, Frauenbewegung, selbstverwaltete Kooperativen, Alternative Produktionsentwicklung, Patriarchatskritik, Subsistenzwirtschaft, Organisationskritik, Migrations- und Flüchtlingspolitik, Chiapas. Auch die Ebenen des politischen Agierens haben sich verschoben: Im Rahmen des Bundeskongresses entwicklungspolitischer Aktionsgruppen (BUKO) arbeiten wir gemeinsam an länderübergreifenden Arbeitsschwerpunkten. Darüber hinaus stehen wir im Austausch gemeinsamer Themenschwerpunkte mit den Lateinamerikainfostellen in der BRD und im besonderen mit den Mittelamerikainfostellen z.B. zur Landrechtsfrage. In NRW und Wuppertal arbeiten wir vernetzt mit den anderen Eine-Welt-Initiativen und dem Netzwerk der Wuppertaler Sozial- und Umweltinitiativen (StattRat). Einzeln oder gemeinsam haben wir uns an verschiedenen Buchprojekten beteiligt, welche von Pizzen, Fischen, Tarzans, Marcos, Leguanen und alten Antonios handeln. Wir wünschen uns, daß die Beiträge dieser Broschüre von der Lebendigkeit einer erfahrungsreichen aber nicht erstarrten Bewegung zeugen.

Klaus Heß

  • aus der Broschüre „Zwischen Revolution und Quark“, 1998