Debatte um die Wahrheit und ihre Interpretation

Samuel Weber vom Ökumenischen Büro hielt sich vom 27. April bis 11. Mai zwei Wochen lang in Nicaragua auf. Sein Reisebericht, den er in verschiedenen Medien, u.a. amerika21, veröffentlichte, blieb nicht unwidersprochen. Deshalb veröffentlichen wir ihn hier: https://amerika21.de/analyse/226237/eindruecke-aus-nicaragua-reisebericht

Karl Schade vom Städtepartnerschaftsverein Nürnberg/San Carlos antwortet ihm unter dem Titel „Ein inakzeptabler Reisebericht aus Nicaragua“ und kritisiert dabei insbesondere die Gleichsetzung von staatlichem organisierten Terror und einzelnen Übergriffen von Oppositionellen: Kritk Reisebericht ÖB-1[197522]

In der Antwort des Ökumenischen Büros vom 31. Juli wird noch mal auf die teilweise unklare Faktenlage abgehoben und für eine offenere Diskussionskultur plädiert: Antwort auf Ein Reisebericht aus Nicaragua[197521]

Vom gleichen Autor (Samuel Weber) wurde auch eine Debatte um die Opferzahlen angestossen:             „.. wie viele vielleicht von Euch wohl schon mitbekommen haben, wird der ehemalige Direktor der ANPDH Alvaro Leyva von Leuten der eigenen Organisation beschuldigt rund 500.000$ veruntreut zu haben. Für uns vielleicht noch wichtiger ist jedoch der Vorwurf der manipulierten Informationen bezogen auf die Opferzahlen im Konflikt in Nicaragua. Intern haben wir ja einige von Euch bereits schon darauf hingewiesen, dass wir davon ausgehen, dass mit den Zahlen der ANPDH etwas nicht stimmt. Ich denke wir sollten diese Sache sehr ernst nehmen, weil die Informationen der ANPHD in sehr viele Zeitungs- und Menschenrechteberichte Eingang gefunden haben. Leyva war ja sogar hier in Deutschland auf Rundreise und hat einen deutsch französischen Menschenrechtspreis erhalten. Die Nachricht findet sich in verschiedenen sowohl Oppositions– und Regierungsnahen Medien“.

Confidencial (Oppositionsmedium) 

Canal 10 (Oppositionsmedium) 

Juventud Presidente (Regierungsnah) 

Amerika21 

Wir vom Infobüro Nicaragua haben aus verschiedenen Gründen die hohen Opferzahlen der ANPDH nicht zur Grundlage unserer Analyse gemacht. Auch die Berichte von Amnesty International oder der GIEI Bericht stützen sich nicht auf die hohen Opferzahlen der ANPDH. Schon im vergangenen Jahr haben wir bei verschiedenen Treffen darüber gesprochen, daß die Regeln für die Erhebung der Opferzahlen sehr unterschiedlich sind und es daher sinnvoll ist, von der absolut gesicherten Zahl der Opfer auszugehen, auch wenn diese dann niedriger liegt. Manipulation von Menschenrechtsverletzungen ist leider fast normal in der Politik. Wir sollten also den Fall Álvaro Leiva aufmerksam beobachten. Da die ANPDH aber zum Glück nicht die einzige Menschenrechtskommission ist, die Daten erhoben hat, und sowohl für den Amnesty International Bericht wie auch für den GIEI Bericht eigene Erhebungen und Interviews gemacht wurden, sind wir in der Lage auf Grundlage aller uns zur Verfügung stehenden Daten die ungeheuerliche Repression der Ortega/Murillo Regierung belegen und anklagen zu können. Daran besteht für uns keinerlei Zweifel. Ausserdem ist jeder Tote, der bei einer Demonstration oder auch nur im Umfeld der Proteste getötet wurde, ein Toter zu viel. Der Polizei bzw dem Staat kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu, da er die Aufgabe hat, seine BürgerInnen zu schützen und ihre Rechte zu garantieren.

Auf diesem Hintergrund können wir unabhängig von Zahlen der ANPDH feststellen, daß in Nicaragua faktisch der Ausnahmezustand herrscht und die Regierung einen Polizeistaat errichtet hat, was gerade in den letzten Wochen wieder bei der angemeldeten und dann verbotenen Protestaktion der Studierenden zum 25.7. deutlich wurde.

Daß die USA, der CIA und US Stiftungen schon immer massiv von Aussen in die gesellschaftlichen Entwicklungen nicht nur in Nicaragua eingreifen ist unbestritten. Unser berechtigter und notwendiger Antiimperialismus darf allerdings nicht dazu führen, die Augen davor zu verschließen, daß es in Nicaragua eine neue Familiendiktatur gibt.

So bleibt eher die Frage offen, warum der Autor die Informationen über die Repression der Regierung nicht verbreitest, auch 1 1/2 Jahre nach dem Beginn der Proteste nicht, aber sehr wohl die erschreckenden Vorwürfe aus den eigenen Reihen gegen die ANPDH.

Samuel Weber hat uns gebeten, auch seine Antwort vom 20. August zu veröffentlichen, was wir hiermit gerne tun:

„…Im Ökubüro denken wir, dass eine Menschenrechtsarbeit und die damit zusammenhängende Strategie auf einer möglichst realistischen Einschätzung der Lage vor Ort basieren sollte. Da wir jedoch zunehmend festgestellt haben, dass sowohl Regierung wie Oppositionsgruppen und deren Medien sowie die drei relevanten Menschenrechtsorganisationen in Nicaragua jeweils mit einer sehr selektiven Version der Wahrheit arbeiten, sind wir mit dem Verbreiten von Informationen aus Nicaragua sehr zurückhaltend geworden.

Der Fall von Álvaro Leiva bereitet da nur noch einmal zusätzlich Bauchschmerzen, weil ja der Verdacht einer bewussten Falschinformation einer Menschenrechtsorganisation im Raume steht.
Ich habe diese Information geteilt, weil sie sowohl von den Anhängern der Regierung, wie auch der Opposition nicht bestritten werden, und die beigefügten Videos jedem die Möglichkeit bieten sich selbst ein Bild von der Pressekonferenz der übrigen ANPDH Mitglieder zu machen. Leider sind sonst sehr viele Videos aus Nicaragua, die im Netz kursieren verkürzt, bzw. ohne den notwendigen Kontext dargestellt. Ich habe bewusst als Quellen sowohl Oppositions- wie Regierungsmedien ausgewählt, um mir nicht den Vorwurf der Einseitigkeit gefallen lassen zu müssen.

Wir halten diese Information bezüglich eines bewussten Verdachtes der Manipulation bei Menschenrechtsgruppen für sehr relevant.
Eine Aufklärung dieses Falles müsste danach fragen, ob sich der behauptete Betrug auf das Manipulieren der Opferzahlen beschränkt oder Vorfälle bei denen Leiva anwesend war bzw. er die Zeugen beschafft hat in einem anderen Licht betrachtet werden müssen?

Spannend wäre auch zu fragen, warum er diese Manipulation begangen hat? War das nur einem leidenschaftlichen Kampf gegen die Diktatur oder der Logik der Fördermittel geschuldet?
Was macht uns sicher, dass nur Leiva bewusst manipuliert hat?
Was bedeutet die Möglichkeit der Manipulation von Informationen für die eigene Arbeit bzw. das Vertrauen und Misstrauen gegenüber Menschen mit denen wir im jeweiligen Land Kontakt haben?

Menschenrechtsarbeit in Lateinamerika ist für uns im Ökumenischen Büro von großer Bedeutung. Diese Arbeit ist aber nur möglich, wenn wir den Organisationen mit denen wir in unseren Partnerländern zusammen arbeiten, absolut vertrauen können. Aus diesem Grunde ist für uns der Fall Leiva / ANPDH von solch großer Bedeutung. Denn er erschüttert dieses Vertrauen. Unvermeidlich stellt sich die Frage: sind solche Manipulationen auch anderswo vorstellbar? Um diese grundsätzliche Problem geht es uns und nicht darum die nachgewiesenen Menschenrechtsverletzungen der nicaraguanischen Regierung in Zweifel zu ziehen.

Es soll darauf hingewiesen werden, dass wir natürlich respektieren, wenn andere Organisationen diesen Fall für weniger relevant für die eigene Arbeit einstufen. Es geht auch nicht darum bei einem kommenden Treffen eine Debatte einzufordern. Sollte jemand jedoch an einem Austausch zu diesen oder anderen Fragen bezogen auf Nicaragua in einer konstruktiven Weise interessiert sein, kann er bzw. sie gerne auf uns zu kommen….“