El Pochote – 35 Jahre danach: Brigadist*innen Treffen in Darmstadt beim Wohnprojekt Agora

1984 star­tete das Infor­ma­ti­ons­büro Nica­ragua e.V. in Wuppertal eine bundes­weite Kampagne, „Brigaden für Nica­ragua“. Vor dem Hinter­grund der Angriffe der von den USA unter­stützten Contras,
sollten die west­deut­schen Brigadist*innen ein Schutz­schild darstellen.

Auf Bitte der nica­ra­gua­ni­schen Regie­rung wurden drei Häuser­bau­pro­jekte im Rahmen der Soli­da­ri­täts­be­we­gung mit der Sandi­nis­ti­schen Revo­lu­tion in den Grenz­re­gionen Nica­ra­guas - darunter auch in El Pochote im äußersten Südwesten wenige Kilo­meter entfernt von der Grenze zu Costa Rica - in Angriff genommen.
Im Laufe der folgenden einein­halb Jahre arbei­teten etwa 150 Baubrigadist*innen beim Aufbau der neuen Häuser für die aus der Grenz­re­gion geflüch­teten Menschen von El Pochote mit. Neben dem Hausbau wurde von Brigadist*innen auch ein kleiner Gesund­heits­posten zur Basis­ver­sor­gung der länd­li­chen Bevöl­ke­rung betrieben.

Nach nunmehr 35 Jahren luden Claudia Orlowsky aus Berlin und Axel Flörke von der El Pochote Gruppe Darm­stadt die ehema­ligen Brigadist*innen zu einem Austausch nach Darm­stadt ein.
Die „Tages­ord­nung“ auf dem meeting sah vor, folgende Frage­stel­lungen zu disku­tieren:
• Wie hat sich die Mitar­beit im Projekt auf euer weiteres Leben ausge­wirkt?
Wo steht ihr poli­tisch heute und seid ihr noch inter­na­tio­na­lis­tisch aktiv?
• Wie ist die derzei­tige poli­ti­sche Lage in Nica­ragua einzu­schätzen und welche Posi­tionen vertreten die Teil­neh­menden zu diesem Thema?
Die Selbst­be­schrän­kung auf nur zwei Themen­be­reiche erwies sich als sehr gewinn­brin­gend. Sie ließ genug Zeit, jeden der Teilnehmer*innen ausführ­lich über die (poli­ti­schen) Motive von damals und aktu­elle Posi­tionen zu reflek­tieren. Auch wenn der Einsatz in El Pochote für viele nicht den Beginn ihres poli­ti­schen Enga­ge­ments darstellte, war er dennoch rich­tungs­wei­send und beein­flusste Denken und Handeln bis heute.

Zwar ist zu bedenken, dass bei Weitem nicht alle Einge­la­denen dem Ruf nach Darm­stadt gefolgt sind, aber die Vermu­tung ist erlaubt, dass auch bei vielen der nicht Anwe­senden die Erfah­rungen von El Pochote ähnlich nachwirk(t)en.
Beson­ders die gelebte Soli­da­rität, die gemein­same Arbeit und das Leben mit zeit­weise über 40 weiteren Menschen auf engstem Raum und unter einfachsten Bedin­gungen, hinter­ließen ein Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl, das nach 35 Jahren noch immer präsent ist.
Und das, obwohl sich der welt­an­schau­liche Hinter­grund der Ex-Brigadist*innen über ein weites Spek­trum dehnte – von Auto­nomen über gewerk­schaft­lich Aktive bis zu christ­lich-pazi­fis­tisch Bewegten.

Neben der Frage nach den persön­li­chen Auswir­kungen war es auch inter­es­sant zu disku­tieren, wie die Briga­den­kam­pagne aus heutiger Sicht bewertet wird. Folgende Antworten kris­tal­li­sierten sich heraus:

• Die Schutz­schild­funk­tion haben wir mit den Brigaden erfüllt.
• Die Sied­lungs-Baupro­jekte hatten eine stra­te­gi­sche Funk­tion für Regie­rung und Militär, ob sie jeweils den Inter­essen der Bevöl­ke­rung entspra­chen ist nicht so ganz klar. Dementspre­chend war die Parti­zi­pa­tion der Dorf­be­völ­ke­rung nicht immer gleich hoch.
• Die Kampagne hatte auf jeden Fall eine poli­ti­sie­rende Bedeu­tung für die bundes­re­pu­bli­ka­ni­sche Öffent­lich­keit und für die lang­fris­tige persön­liche Grund­hal­tung der betei­ligten Briga­disten bezüg­lich Unge­rech­tig­keit in der Welt.

Bei der Beur­tei­lung der derzei­tigen. sich bereits seit Jahren entwi­ckelnden poli­ti­schen, ökono­mi­schen und gesell­schaft­li­chen Situa­tion in Nica­ragua, gab es weit­ge­hende Über­ein­stim­mung: Die Auto­kratie Daniel Ortega’s und seines Clans, Repres­sion und Bruta­lität des Vorge­hens gegen Kritiker*innen wird scharf verur­teilt. Zwei­fellos vorhan­dene Sozi­al­leis­tungen in Nica­ragua resul­tieren nicht aus Verschie­bungen der poli­tisch ökono­mi­schen Macht- und Besitz­ver­hält­nisse, sondern aus der finan­zi­ellen Unter­stüt­zung durch Vene­zuela. Es wird erwartet, dass dieses System nach Einstel­lungen der Zahlungen in sich zusam­men­bricht und Ortega nur mit noch mehr Gewalt seine Macht sichern kann. Diese Sicht­weise wurde unter­mauert von aktu­ellen Berichten aus Nica­ragua in denen von Willkür berichtet wurde, und von Angst aus dem Haus zu gehen. Es seien schon Menschen über­fallen und ermordet worden, ohne rechts­staat­liche Konse­quenzen.

Die ehema­ligen El Pochote Brigadist*innen drücken ihre Soli­da­rität mit den vom Ortega-Regime verfolgten, inhaf­tierten oder vertrie­benen fried­li­chen wir „mili­tanten“ Kritiker*innen aus und fordern deren sofor­tige Frei­las­sung und Reha­bi­li­tie­rung.