Factsheet Ernährungssouveränität

Rum oder Gemüse?
Wie werden wir alle satt?
Bald werden wir 10 Milli­arden Menschen sein. Die Frage stellt sich immer drin­gender: Wie werden wir alle satt? Welche Aufgabe fällt dabei der Land­wirt­schaft in einer Gesell­schaft zu? Zwei­fellos soll sie erst einmal die Ernäh­rung der Bevöl­ke­rung sichern. Sie bietet ferner einem Teil der Menschen ein Einkommen. Über die Erlöse aus dem Export von Agrar­er­zeug­nissen können außerdem Handels­güter aus dem Ausland erworben werden. Von großer Bedeu­tung ist aber auch das Wie der land­wirt­schaft­li­chen Produk­tion: In wessen Händen liegt das Land? Wird auf nach­hal­tige Weise produ­ziert? Ist die Produk­tion ertrag­reich genug?

Klein­bäu­er­liche Land­wirt­schaft: Weder rück­ständig noch konser­vativ

Wie sich Land­wirt­schaft ausprägt, ist stets das Ergebnis histo­ri­scher Entwick­lungen und poli­ti­scher Entschei­dungen. Die Forde­rung nach „Land und Frei­heit“ war und ist Kern unzäh­liger sozialer Kämpfe. In Mittel­ame­rika war die Land­wirt­schaft stets das am schärfsten umkämpfte Terrain. Klein­bäu­er­liche und Landarbeiter*innenfamilien gehörten zu den am stärksten unter­drückten Bevöl­ke­rungs­gruppen. Sie standen im Zentrum der Revo­lu­tionen. An den Verän­de­rungen für die klein­bäu­er­li­chen Fami­lien wurde entspre­chend auch der Erfolg poli­ti­scher Entwick­lungen gemessen.
2,6 Milli­arden Menschen, fast 40% der Welt­be­völ­ke­rung, leben von der Land­wirt­schaft, knapp die Hälfte der Mensch­heit lebt auf dem Lande. Klein­bäu­er­liche Fami­lien produ­zieren den größten Teil aller Lebens­mittel (in Asien und Afrika rund 80%) und bewirt­schaften etwa 60% der welt­weiten Acker­flä­chen, häufig schlech­tere, nicht bewäs­serte Böden. In unserer Soli­da­ri­täts­ar­beit mit Partner*innenorganisationen und sozialen Bewe­gungen in Mittel­ame­rika unter­stützen wir die klein­bäu­er­liche Land­wirt­schaft von Koope­ra­tiven und Subsistenzproduzent*innen.

Das Leit­mo­dell der Verei­ni­gung der Klein- und Mittelbäuer*innen Nica­ra­guas, der UNAG , sowie der Koope­ra­tiven im Dach­ver­band FENACOOP ist eine klein­bäu­er­liche Land­wirt­schaft, die auf nach­hal­tige Weise vor allem Nahrung für die lokale Bevöl­ke­rung produ­zieren soll. Selbst­ver­sor­gung, lokaler und regio­naler Handel sollen Vorrang vor Exporten und Welt­handel haben. Zur Begrün­dung wird auf den Umstand verwiesen, dass Hunger und Unter­ernäh­rung haupt­säch­lich die Land­be­völ­ke­rung treffen. In Kuba gewinnt die klein­bäu­er­liche Land­wirt­schaft im Zuge der Redu­zie­rung der großen Staats­be­triebe und dem Ausbau ökolo­gi­scher Anbau­me­thoden an Bedeu­tung und hat in den klein­bäu­er­li­chen Verbänden ANAP und ACPA bedeu­tende Inter­es­sen­ver­tre­tungen.

Diese Perspek­tive deckt sich mit den Empfeh­lungen inter­na­tio­naler Orga­ni­sa­tionen, die im Konzept der Ernäh­rungs­sou­ve­rä­nität einen entschei­denden Beitrag zum Schutz des Welt­klimas sehen und starke Argu­mente für deren Ausbau vortragen.

GEGEN EINE AGRARPOLITIK, DIE ÜBER LEICHEN GEHT

Den Gegenpol bilden indus­tria­li­sierte Mono­kul­turen: Mit der indus­tria­li­sierten Land­wirt­schaft werden zwar die Erträge gestei­gert, gleich­zeitig aber mit immensem Ressour­cen­ein­satz, an Dünge­mit­teln, Saatgut, Pesti­ziden, Herbi­ziden und Gentechnik. Zudem wächst der Flächen­ver­brauch extrem: Klaus Töpfer Exum­welt­mi­nister und Exum­welt­di­rektor der UNO stellt Studie vor: „Econo­mics of Land Degra­da­tion and Impro­ve­ment“ vonm interr­na­tio­nalem Team mit 30 Wissen­schaft­lern
drama­tisch sinkende Qualität der globalen Böden und der zuneh­menden Zahl der zu ernäh­renden Welt­be­völ­ke­rung => boden­lose Kata­strophe bahnt sich an
In den letzten 30 Jahren sind global 33% des Weide­lands, 25% der Acker­flä­chen und 23% der Wälder signi­fi­kant degra­diert. Das macht rund 30% der globalen Land­fläche aus, von der 3,2 Mrd Menschen abhängig sind. Schon jetzt koste die Boden­de­gra­da­tion der Mensch­heit jähr­lich etwa 300 Mrd. Euro (40−50 € pro Kopf). Es braucht Anreize für bodenscho­nende Methoden. Schäden werden in Europa, Amerika und Asien durch Agro­in­dus­trie, Dünger und Pesti­zide, Mono­kul­turen und schwere Geräte.
Die globale Ernäh­rungs­frage lässt sich nicht durch Produk­ti­ons­stei­ge­rungen und Export­ori­en­tie­rung lösen. Riesige Agrar­fa­briken beschleu­nigen das Höfesterben, Gentechnik macht Bauern abhängig von Saat­gu­triesen und Mega­ställe bedeuten Klima­wandel und Futter­mit­tel­im­porte. Durch die agro­in­dus­tri­elle Land­wirt­schaft und die Inten­siv­tier­hal­tung und bedingt durch unseren Lebens- und Konsum­stil und den Import von Futter­mit­teln und Agro­s­prit verbrau­chen wir 3,7 mal soviel Fläche wie sich in NRW für die land­wirt­schaft­liche Nutzung eignet. Folge ist die Bedro­hung des Nahrungs­mit­tel­an­baus durch Klein­bauern, die in Latein­ame­rika von ihren Lände­reien vertrieben werden. Töpfer empfiehlt Flur­be­rei­che­rung statt Flur­be­rei­ni­gung und klei­nere Einheiten die sich besser vernetzen: Die höchste Produk­ti­vität liegt im Kleinen.

Die schnell wach­sende Agro­s­prit­pro­duk­tion auf Nica­ra­guas oder El Salva­dors Zucker­rohr­fel­dern vernichtet Flächen zur Lebens­mit­tel­pro­duk­tion, sie zwingt Kleinbäuer*innen zur Betriebs­auf­gabe und treibt sie in die Abhän­gig­keit von schlecht bezahlten, gesund­heits­schäd­li­chen saiso­nalen Lohn­ar­beits­ver­hält­nissen. Reichtum und Macht konzen­trieren sich in den Händen Weniger.
In Deutsch­land müssen nach der “Bio-”spritverordnung bis 2020 schritt­weise 12 Prozent des Treib­stoffs aus Agro­s­prit beigemischt werden. Die Quoten für Agro­treib­stoffe, z.B. aus Zucker, Raps oder Mais produ­ziert, sollen dem Klima­schutz dienen. Aller­dings fallen durch den Anbau der Pflanzen gleich­zeitig Flächen für Nahrungs­mittel weg. Der Anstieg der Produk­tion von Zucker­rohr und Palmöl aufgrund der erhöhten Nach­frage nach Agro­s­prit hat in Zentral­ame­rika fatale Folgen. Der Anbau schä­digt sowohl die Umwelt als auch die Gesund­heit der Menschen. Um große Flächen Zucker­rohr anbauen zu können, kaufen Groß­kon­zerne immer mehr Land und entziehen den Kleinbäuer_innen somit die Subsis­tenz­grund­lage. In Nica­ragua hat die dras­ti­sche Erhö­hung der Produk­tion von Bioethanol auf Zucker­rohr­plan­tagen zu einem Anstieg des Pesti­zid­ein­satzes und vermehrten Auftreten von Nieren­in­suf­fi­zienz mit Todes­folge geführt.
Agro­s­prit und seine Auswir­kungen in Nica­ragua und anderswo
Agro­s­prit - ergo Treib­stoff aus Pflanzen oder orga­ni­schen Abfällen - galt lange Zeit als Hoff­nungs­träger der Ener­gie­wende. Mit zuneh­mender Kritik von Umwelt­ver­bänden und Menschen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen kamen zuneh­mend Zweifel an der tatsäch­li­chen „Nach­hal­tig­keit“ der Nutzung von Ener­gie­pflanzen auf. Kriti­siert wird insbe­son­dere, dass die gestei­gerte Nach­frage in Konkur­renz zur Nahrungs­mit­tel­pro­duk­tion gerät und damit die Lebens­mit­tel­preise in die Höhe treibt. Außerdem isi die Klima­bi­lanz sogar im Vergleich zu fossilen Ener­gie­trä­gern in bestimmten Fällen negativ: etwa wenn direkt oder indi­rekt für den Anbau von Ener­gie­pflanzen Regen­wälder gerodet oder Sümpfe trocken­ge­legt werden. Als fatale Folge von Mono­kul­turen, wie der anstei­gende Zucker­rohr­anbau in Zentral­ame­rika, sind Land­grab­bing (der Kauf von Lände­reien durch Groß­kon­zerne) und der damit verbun­dene Verlust der Subsis­tenz­grund­lage für die Kleinbäuer_innen zu nennen. Hinzu kommen ökolo­gi­sche Schäden durch degra­dierte und vergif­tete Böden sowie gesund­heit­liche Gefähr­dungen der Arbeiter_innen durch den Einsatz von Pesti­ziden in den gigan­ti­schen Mono­kul­turen (wie u. a. die chro­ni­sche Nieren­in­suf­fi­zienz bei Arbeiter_innen im Zucker­ro­her­anbau).
Mit dem Abschluß des Frei­han­dels­ab­kom­mens (dem ADA – Asso­zi­ie­rungs­ab­kommen zwischen der Euro­päi­schen Union und Zentral­ame­rika) steigt die Export­quote für Agrar­pro­dukte wie Palmöl oder Ethanol aus Zucker­rohr in Rich­tung EU weiter, da diese Produkte nach der Rati­fi­zie­rung des Abkom­mens zoll­frei impor­tiert werden können. Unter anderem im Hinblick auf diese Entwick­lung warnen zahl­reiche Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen in einer Stel­lung­nahme, das ADA werde „nega­tive Auswir­kungen auf die menschen­recht­liche Situa­tion vieler bereits gefähr­deter Gruppen haben, wich­tige Initia­tiven für eigen­stän­dige, nach­hal­tige Entwick­lung in Zentral­ame­rika behin­dern und bereits exis­tie­rende soziale Konflikte verschärfen.“
Die genannten nega­tiven Folgen der Agro­s­prit­pro­duk­tion lassen sich am Beispiel der Region Bajo Aguán in Honduras beispiel­haft illus­trieren:
Das Tal des Bajo Aguán an der hondu­re­ni­schen Atlan­tik­küste ist eine der Kern­re­gionen des Palm­öl­an­baus. Die Inves­ti­tionen in den lukra­tiven, export­ori­en­tierten Anbau der Ölpalme (Palma Afri­cana) wurden u.a. mit Mitteln der Welt­bank reali­siert. Aufgrund der nach­ge­wie­senen Land­ver­trei­bung und Menschen­rechts­ver­let­zungen durch die privaten Sicher­heits­dienste der Agrar­un­ter­nehmen sieht sich inzwi­schen auch die Welt­bank gezwungen, ihre Projekte in der Region auf den Prüf­stand zu stellen. Dem nach Einschät­zungen von Menschen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen schlimmsten Land­kon­flikt der letzten fünf­zehn Jahre in Zentral­ame­rika sind seit September 2009 mindes­tens 57 Bäuer_innen und Unterstützer_innen von Bauern­or­ga­ni­sa­tionen sowie ein Jour­na­list zum Opfer gefallen.

Die Zucker­rohr­pro­duk­tion in Nica­ragua teilen sich de facto zwei große Unter­nehmen: das Fami­li­en­un­ter­nehmen Pellas und die Unter­neh­mens­gruppe Panta­león aus Guate­mala. In Nica­ragua wird neben Zucker­rohr auch noch Palmöl für Bio-Ethanol produ­ziert. An der nica­ra­gua­ni­schen Pazi­fik­küste ist die Zucker­rohr­in­dus­trie mit 35.000 Arbeiter_innen die wich­tigste Arbeit­ge­berin. Zucker­rohr hat inzwi­schen ein Export­vo­lumen von 80 Millionen US-Dollar - Tendenz stei­gend. Inner­halb eines Jahres stieg die Produk­tion um 18% und damit auf über 6 Mio. Tonnen Zucker­rohr. Die Expan­sion des Anbaus und die dafür erfor­der­li­chen Bewäs­se­rungs­sys­teme wurden über die Deut­sche Entwick­lungs­ge­sell­schaft der KfW-Banken­gruppe auch mit Darlehen aus Deutsch­land geför­dert. [s. http://www.presseportal.de/pm/6681/836237/deg-finanziert-zuckerproduzenten-in-nicaragua-mit sowie dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/084/1708437.pdf]

Kuba und Nica­ragua – Ähnlich­keiten und Unter­schiede

Die Ausgangs­be­din­gungen in Kuba und Nica­ragua sind vergleichbar: in beiden Ländern hat eine erfolg­reiche Revo­lu­tion statt­ge­funden, die Dikta­toren wurden 1959 (Batista in Kuba) bzw. 1979 (Somoza in Nica­ragua) gestürzt. In beiden Ländern wurden die Banken, Ener­gie­ver­sor­gung und Schlüs­sel­sek­toren wie die Agrar­in­dus­trie (Zucker­in­dus­trie in Kuba, Baum­wolle, Kaffee, Zucker in Nica­ragua) verstaat­licht. Die Lebens­mit­tel­ver­sor­gung sowie das Bildungs- und Gesund­heits­wesen wurden stark ausge­baut, aber auch die bäuer­li­chen Produzent*innen durch Kredite, garan­tierte Abnah­me­preise, Bera­tung und gute Infra­struktur unter­stützt. Schnell springen aber auch die Verschie­den­heiten ins Auge: Aus Nica­ragua ist ein kapi­ta­lis­ti­sches, in den Welt­markt einge­bun­denes Land geworden; die ehema­ligen Staats­be­triebe sind wieder priva­ti­siert und agieren am kapi­ta­lis­ti­schen Markt. Das Land ist wieder zur Ware geworden. Auslän­di­sche Inves­toren sind gern gesehen.
Auch in der Agrar­re­form verteiltes klein­bäu­er­li­ches und Koope­ra­ti­ven­land wird wieder verkauft. Nica­ragua hat in den letzten Jahren seine Nahrungs­mit­tel­pro­duk­tion deut­lich gestei­gert. Die Eigen­ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung erreicht im zentral­ame­ri­ka­ni­schen Vergleich den höchsten Grad, Nahrungs­mittel werden nach Zentral­ame­rika und Vene­zuela expor­tiert. Dafür sorgen sowohl die Förde­rung privater klein­bäu­er­li­cher Fami­lien als auch die Produk­tion der Agrar­in­dus­trie.

Kuba ist ein sozia­lis­ti­sches Land mit einer stär­keren Indus­tria­li­sie­rung, z.B. der staat­li­chen zucker­ver­ar­bei­tenden Indus­trie, die als kolo­niales Produkt entstanden ist, in die Nach­kriegs­ar­beits­tei­lung des COMECON einge­bunden war und jetzt auf der Suche nach Absatz­märkten ist. Kuba braucht Devisen, um die Lebens­mit­tel­im­porte (70% der Nahrungs­mittel) bezahlen zu können.

Ein Vergleich der staat­li­chen Agrar­po­litik beider Länder und der Situa­tion der Land­wirt­schaft bleibt aber trotzdem lohnens­wert und ein Austausch ange­bracht, denn: In Kuba hat die Regie­rung seit der Auflö­sung des sozia­lis­ti­schen Staa­ten­blocks erkannt, dass die Bevöl­ke­rung durch Staats­be­triebe alleine nicht mehr ernährt werden kann. Deshalb erhalten Koope­ra­tiven und Kleinbäuer*innen neue Möglich­keiten des Produ­zie­rens, der Mangel an impor­tierten Maschinen, Pesti­ziden und Erdöl­pro­dukten wird aufgrund der Handels­blo­ckade durch eine agrar­öko­lo­gi­sche Land­wirt­schaft ausge­gli­chen und die kuba­ni­sche klein­bäu­er­liche Orga­ni­sa­tion ANAP macht sich die Forde­rung nach Ernäh­rungs­sou­ve­rä­nität zu eigen.

Hier entstehen neue, nicht-kapi­ta­lis­ti­sche Akteur*innen mit Nutzungs­rechten ohne verkauf­bare Eigen­tums­titel und mit regu­lierten Vertriebs­struk­turen. Auch in Nica­ragua betreiben diese Akteurs­gruppen, die Koope­ra­tiven und bäuer­li­chen Verei­ni­gungen, eine nach­hal­tige Land­wirt­schaft, wider­setzen sich dem land­grab­bing und fordern vom Staat die Unter­stüt­zung dafür. Indem sie eine soli­da­ri­sche Ökonomie entwi­ckeln wollen, vertei­digen sie nur die in den Jahren der Revo­lu­tion gewon­nenen Rechte und ihre Würde als Produzent*innen. Ihr Konzept der Ernäh­rungs­sou­ve­rä­nität beinhaltet Land­re­formen, die Achtung der Rechte der Bäuer*innen und Landarbeiter*innen sowie das Menschen­recht auf Nahrung, die Ableh­nung des Einsatzes von Gentechnik in der Land­wirt­schaft, den Schutz von Kleinbäuer*innen vor billigen Importen und soziale Gerech­tig­keit.

Gleich­zeitig sind Agrar­ex­porte für die Natio­nal­öko­no­mien beider Länder von großer Bedeu­tung. Wie lässt sich die Forde­rung der Kleinbäuer*innen nach Ernäh­rungs­sou­ve­rä­nität mit der Notwen­dig­keit der Devi­sen­be­schaf­fung verein­baren? Sind den ökolo­gi­schen und Klima­schutz-Ambi­tionen einer Gesell­schaft Grenzen gesetzt, wenn dies zu Lasten der Versor­gung der Bevöl­ke­rung geht?

Eine weitere Gemein­sam­keit zwischen Kuba und Nica­ragua ist, dass beide Länder in beson­derem Maße vom Klima­wandel betroffen sind. Hurri­kans, Dürren und extreme Wetter­ereig­nisse bedeuten immer größere Heraus­for­de­rungen für Landwirt*innen und Politik.

Ernäh­rungs­sou­ve­rä­nität

Zwei Drittel der hungernden Menschen der Welt leben in länd­li­chen Regionen, die jedoch von der staat­li­chen Entwick­lungs­zu­sam­men­ar­beit und inter­na­tio­nalen Insti­tu­tionen wie der Welt­bank kaum berück­sich­tigt werden. Dennoch wird welt­weit die meiste Nahrung von rund einer Milli­arde Kleinbäuer*innen, Kleinfischer*innen sowie Viehhirt*innen produ­ziert. Daher muss jedes Konzept zur nach­hal­tigen Siche­rung der Welt­ernäh­rung beson­deres Augen­merk auf diese Kleinproduzent*innen richten.

Ernäh­rungs­sou­ve­rä­nität bezeichnet nach dem Verständnis ihrer Befürworter*innen das Recht aller Gesell­schaften Bevöl­ke­rungs­gruppen, Länder und Länder­gruppen, ihre Land­wirt­schafts- und Ernäh­rungs­po­litik selbst zu defi­nieren. Der Begriff wurde anläss­lich der Welt­ernäh­rungs­kon­fe­renz 1996 vom welt­weit agie­renden klein­bäu­er­li­chen Bewe­gungs­netz­werk Via Campe­sina geprägt. Es handelt sich nicht um einen wissen­schaft­li­chen Fach­be­griff, sondern um ein poli­ti­sches Konzept. Beides ist jedoch heftig umstritten.

Das Ende des indus­tri­ellen Produk­ti­vismus: für eine klima­scho­nende Agrar­po­litik!

Ein Para­dig­men­wechsel ist nötig: Klein­bäu­er­liche, arbeits­in­ten­si­vere und auf Viel­falt ausge­rich­tete Struk­turen sind die Garanten und Hoff­nungs­träger einer sozial, wirt­schaft­lich und ökolo­gisch nach­hal­tigen Lebens­mit­tel­ver­sor­gung durch hinläng­lich wider­stands­fä­hige Anbau- und Verteil­sys­teme. Produk­ti­vi­täts­stei­ge­rungen sind durch Forschung zu lokal-ange­passter Tech­no­logie ohne Probleme möglich.

Nach Aussage von Via Campe­sina ist die indus­tri­elle Land­wirt­schaft der größte Verur­sa­cher der globalen Erwär­mung und des Klima­wan­dels - als Gründe werden genannt:
1. der welt­weite Trans­port von Lebens­mit­teln
2. die aufge­zwun­genen indus­tri­ellen Produk­ti­ons­weisen (Mecha­ni­sie­rung, Inten­si­vie­rung, Agro­chemie, Mono­kul­turen usw.)
3. die Zerstö­rung der Biodi­ver­sität, wodurch nur noch in verrin­gertem Umfang CO2 gebunden werden kann
4. die Verwand­lung von Wald, Weiden und kulti­viertem Land in Indus­trie­kom­plexe, Infra­struk­tur­pro­jekte, Einkaufs­zen­tren und Touris­mus­res­sorts
5. die Trans­for­ma­tion der Land­wirt­schaft von einem Ener­gie­er­zeuger zu einem Ener­gie­ver­brau­cher

Die Inter­na­tio­nale Kommis­sion zum Klima­wandel IPCC sieht das ähnlich: Die Land­wirt­schaft ist unmit­telbar für 31 % des welt­weiten Treib­hausgas-Ausstoßes verant­wort­lich, plus 9% mittelbar durch Nahrungs­zu­be­rei­tung und Entsor­gung. Kleinproduzent*inen können durch ihre Arbeits­weise das zu erwar­tende Ausmaß des Klima­wan­dels verrin­gern:
1. Wenn sie die Verluste an Humu­serde durch orga­ni­schen Anbau zurück­bilden, können sie die Boden­fruch­bar­keit verbes­sern und 30% der gegen­wär­tigen CO2-Stei­ge­rungen binden.
2. Wenn sie die Konzen­tra­tion der Tier­fleisch­pro­duk­tion zugunsten einer Diver­si­fi­zie­rung in Kombi­na­tion mit Pflan­zen­anbau zurück­nehmen, kann die Trans­port­kette verrin­gert, Kühl­häuser vermieden und die Methan­pro­duk­tion von Kühen, Schafen und Ziegen durch natür­li­chere Ernäh­rung abge­baut werden. 5-9% der globalen Emis­sionen können vermieden werden.
3. Wenn die Lebens­mittel auf lokalen Märkten verkauft werden und die Bevöl­ke­rung Zugang zu frischen Nahrungs­mit­teln hat, können Verpa­ckung, Kühl­kette und Trans­port abge­baut werden. 10-12% der globalen Emis­sionen können vermieden werden.
4. Wenn land­grab­bing und Entwal­dung durch diver­si­fi­zierten Anbau in forst­öko­lo­gi­schen Struk­turen, durch den Nutzungs­stop von Pflanzen für andere Zwecke als für Lebens­mittel und durch dezen­trale Formen der Ener­gie­er­zeu­gung gestoppt werden, können 15-18% der globalen Emis­sionen (können) vermieden werden.

Was das Info­büro anbietet:

Rum oder Gemüse? Land­wirt­schaft in Kuba und Nica­ragua zwischen Ernäh­rungs­sou­ve­rä­nität, Koope­ra­tiven und Welt­markt. Nahua Script 16, 150 Seiten

Rum oder Gemüse? Der Film beschäf­tigt sich mit der Land­wirt­schaft als einem der wich­tigsten Wirt­schafts­be­reiche Mittel­ame­rikas, mit dem Bemühen um Ernäh­rungs­sou­ve­rä­nität bzw. globaler Export­ori­en­tie­rung und der Rolle der Bäuer*innen und Landarbeiter*innen. DVD 53 min. produ­ziert in HD, Autor*innen: Fran­ziska Stern, Klaus Heß, Ulla Sparrer
Kamera, Spre­cher, Schnitt und Produk­tion: Lothar Jessen
Co-Produk­tion: Infor­ma­ti­ons­büro Nica­ragua e.V.
Die Film­do­ku­men­ta­tion entstand im Kontext einer soli­da­ri­schen agrar­po­li­ti­schen Recher­che­reise einer drei­zehn­köp­figen Gruppe nach Kuba und Nica­ragua, die vom Infor­ma­ti­ons­büro Nica­ragua orga­ni­siert wurde.

Mono­kul­turen in Mittel­ame­rika. Der Film schil­dert die Auswir­kungen von agro­in­dus­tri­ellen Mono­kul­turen in Mittel­ame­rika, am Beispiel der Zucker­pro­duk­tion in Nica­ragua und El Salvador. In Inter­views werden beson­ders die gesund­heit­li­chen Erkran­kungen der Klein­bauern und Plan­ta­gen­ar­beiter durch den über­mä­ßigen Pesti­zid­ein­satz wie Nieren­in­suf­fi­zienz und die schäd­li­chen Auswir­kungen auf die Ernäh­rungs­sou­ve­rä­nität deut­lich. https://youtu.be/omFcCuGVuuk

Wir haben vieles inter­es­santes Hinter­grund-Mate­rial auf unserer Aktions-Seite Tank und Teller­rand. http://www.tank-und-tellerrand.net/

Dann gibt es unsere Akti­ons­zei­tung gegen Agro­s­prit zum down­load
http://tank-und-tellerrand.txtxtxt.de/wp-content/uploads/2013/07/ID_Zeitung-Agrosprit_web.pdf
Wir haben davon auch noch ca 500 Papier­ex­em­plare, die wir gegen Porto­kosten versenden.

Die gibt es auch auf Spanisch: http://tank-und-tellerrand.txtxtxt.de/wp-content/uploads/2014/10/Agrosprit.pdf

Videos, Inter­views und fact sheet zu Frei­handel und Konzern­ak­ti­vi­täten in Mittel­ame­rika; Ergeb­nisse eines Seminar in San Salvador https://www.infobuero-nicaragua.org/freihandel-in-zentralamerika-tagungsbericht-und-interview/